Discussion:
Radverkehr gefährlich reden - diesmal Greenpeace
(zu alt für eine Antwort)
Susanne Jäger
2018-05-23 10:56:30 UTC
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Raw Message
Gestern gab es in der Berliner Abendschau einen Bericht über eine
eigentlich ziemlich nette Greenpeace-Aktion zur Platzverschwendung in
Städten durch motorisierten Verkehr:
https://www.rbb-online.de/abendschau/archiv/20180522_1930/greenpeace.html
Über die Schlußfolgerungen kann und sollte man streiten, die Aktion
gefällt mir trotzdem.

Die dort genannten Unfallzahlen passten allerdings so überhaupt nicht zu
der mir bekannten Realität, dass ich das nachlesen wollte. Inzwischen
hat Greenpeace die Studie zurückgezogen, weil der offensichtliche
Rechenfehler nicht zu leugnen war.

"Korrektur: Die heutige Presseerklärung „Greenpeace-Städteranking: Mehr
Radverkehr macht Straßen sicherer“ enthält leider einen Fehler. Die
Autoren der Rangliste haben die Zahl der zurückgelegten Wege in Berlin
um den Faktor 1095 (drei Wege pro Kopf und Tag, also 3 x 365 = 1095) zu
niedrig angesetzt. Entsprechend liegt die Zahl der Radunfälle in Berlin
deutliche niedriger: Pro eine Million Radfahrten ereignen sich 14,3 Unfälle.

Die Kernaussage der Presseerklärung – ein höherer Radanteil kann
städtischen Verkehr sicherer machen – ist von diesem Fehler unbenommen,
da derselbe Fehler bei der Analyse aller im Ranking enthaltener Städte
aufgetreten ist."
https://www.greenpeace.de/presse/presseerklaerungen/greenpeace-staedteranking-mehr-radverkehr-macht-strassen-sicherer

Autsch. Ich bin gespannt auf den endgültigen Text - die Veröffentlichung
wurde zunächst zurückgezogen - weil wenn der Fehler bei allen Städten
auftritt dürfte es in Kopenhagen und Amsterdam eigentlich gar keine
Radunfälle mehr geben.

Die weitere Berichterstattung von Greenpeace zum Thema macht mich
allerdings skeptisch ob das denn der einzige Rechenfehler ist: "Die
vielleicht spannendste Erkenntnis der Studie: Mehr Radverkehr macht die
Straßen sicherer. In den Fahrradhochburgen Amsterdam und Kopenhagen,
deren Bewohner etwa ein Drittel ihrer Wege mit dem Rad zurücklegen,
ereignen sich jeweils fünf tödliche Fahrradunfälle im Jahr. Doch in
Berlin mit einem Radanteil von lediglich 13 Prozent ist die Zahl mit 15
Toten dreimal so hoch."
https://www.greenpeace.de/themen/energiewende/mobilitaet/raus-aus-der-kiste
Nochmal Autsch, bei einer Einwohnerzahl, die vier- bzw fünfmal so hoch
ist relativiert sich auch dieser Abstand ganz schnell, erst recht, wenn
man weiß, dass 15 getötete Radfahrende eher ungewöhnlich hoch ist.

Im letztjährigen Mobilitäts-Städteranking von Greenpeace landete Berlin
noch auf Platz 1
<https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/20170322_greenpeace_mobilitaetsranking_staedte.pdf>
ich bin gespannt, wie sich das in der Fortschreibung darstellt.

In jedem Fall kann man mit der großen Gefahr und dem Ruf nach Separation
mal wieder gut Presse machen und wenn's die Zahlen nicht hergeben,
vergleicht mal halt Äpfel mit Birnen. :-( Leute bleibt bloß vom Rad weg,
das ist ja sooo gefährlich.

Gruß
Susanne
Chr. Maercker
2018-05-24 11:44:59 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Susanne Jäger
Gestern gab es in der Berliner Abendschau einen Bericht über eine
eigentlich ziemlich nette Greenpeace-Aktion zur Platzverschwendung in
https://www.rbb-online.de/abendschau/archiv/20180522_1930/greenpeace.html
Über die Schlußfolgerungen kann und sollte man streiten, die Aktion
gefällt mir trotzdem.
Ein Verein, der seit Jahrzehnten spektakuläre Aktionen inszeniert,
könnte Radfahrer ruhig mal dazu auffordern, sich die *bestehenden*
Straßen zurück zu erobern, ohne neue Ghettos. Warum rufen die nicht zur
Abschaffung der Radwegpflicht auf? Oder wenigstens dazu, bestehendes
Recht konsequent zu nutzen? Von Greenpeace würde ich sogar Missachtung
der Radwegpflicht erwarten, die haben schon ganz andere Vorschriften
übertreten! Das Kerngeschäft von Greenpeace war/ist(?) ziviler Ungehorsam.

[...]
Post by Susanne Jäger
Die Kernaussage der Presseerklärung – ein höherer Radanteil kann
städtischen Verkehr sicherer machen – ist von diesem Fehler unbenommen,
da derselbe Fehler bei der Analyse aller im Ranking enthaltener Städte
aufgetreten ist."
https://www.greenpeace.de/presse/presseerklaerungen/greenpeace-staedteranking-mehr-radverkehr-macht-strassen-sicherer
Immerhin, sie haben es korrigiert. Im Gegensatz zu vielen anderen, die
mit ähnlichem Blödsinn Radfahren gefährlich reden/schreiben.
Post by Susanne Jäger
Autsch. Ich bin gespannt auf den endgültigen Text - die Veröffentlichung
wurde zunächst zurückgezogen - weil wenn der Fehler bei allen Städten
auftritt dürfte es in Kopenhagen und Amsterdam eigentlich gar keine
Radunfälle mehr geben.
Die weitere Berichterstattung von Greenpeace zum Thema macht mich
allerdings skeptisch ob das denn der einzige Rechenfehler ist: "Die
vielleicht spannendste Erkenntnis der Studie: Mehr Radverkehr macht die
Straßen sicherer. In den Fahrradhochburgen Amsterdam und Kopenhagen,
deren Bewohner etwa ein Drittel ihrer Wege mit dem Rad zurücklegen,
ereignen sich jeweils fünf tödliche Fahrradunfälle im Jahr. Doch in
Berlin mit einem Radanteil von lediglich 13 Prozent ist die Zahl mit 15
Toten dreimal so hoch."
https://www.greenpeace.de/themen/energiewende/mobilitaet/raus-aus-der-kiste
Nochmal Autsch, bei einer Einwohnerzahl, die vier- bzw fünfmal so hoch
ist relativiert sich auch dieser Abstand ganz schnell, erst recht, wenn
man weiß, dass 15 getötete Radfahrende eher ungewöhnlich hoch ist.
Die Unfallstatistiken von .nl und .dk sind meines Wissens nicht so
rosig. Tom Schlüter hatte kürzlich sogar vorgerechnet, dass die
Unfallraten in Deutschland niedriger liegen. Hab nur den Bezugswert
vergessen. Zu Amsterdam hatte im übrigen die "RadWelt" Ende 2017 ein
paar Zahlen geannnt, sie wurden im Thread "Radverkehr in Amsterdam" v.
01.01.2018 diskutiert.
Post by Susanne Jäger
Im letztjährigen Mobilitäts-Städteranking von Greenpeace landete Berlin
noch auf Platz 1
<https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/20170322_greenpeace_mobilitaetsranking_staedte.pdf>
ich bin gespannt, wie sich das in der Fortschreibung darstellt.
In jedem Fall kann man mit der großen Gefahr und dem Ruf nach Separation
mal wieder gut Presse machen und wenn's die Zahlen nicht hergeben,
Jedem anderen Verein billige ich das zu, Greenpeace nicht.
Post by Susanne Jäger
vergleicht mal halt Äpfel mit Birnen. :-( Leute bleibt bloß vom Rad weg,
das ist ja sooo gefährlich.
Diese Botschaft lese ich bei denen nicht raus, wohl aber die gewöhnliche
Gebetsmühle von den ach so sicheren Randverkehrtanlagen. Wenn Greenpeace
sich da nichts Besseres einfallen lässt, muss ich überlegen, ob ich den
Verein weiter fördere.
--
CU Chr. Maercker.

RADWEGE sind TOD-SICHER! Schlaue Füchse fahren Fahrbahn.
Markus Koßmann
2018-05-24 13:15:51 UTC
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Raw Message
Post by Chr. Maercker
Tom Schlüter hatte kürzlich sogar vorgerechnet, dass die
Unfallraten in Deutschland niedriger liegen.
Siehe <https://radunfaelle.wordpress.com/vergleich-de-nl/>
Martin Gerdes
2018-05-25 22:10:30 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Chr. Maercker
Ein Verein, der seit Jahrzehnten spektakuläre Aktionen inszeniert,
könnte Radfahrer ruhig mal dazu auffordern, sich die *bestehenden*
Straßen zurückzuerobern, ohne neue Ghettos. Warum rufen die nicht zur
Abschaffung der Radwegpflicht auf?
Weil bekanntlich jeder weiß, daß Radfahren auf der "Straße" gefährlich
ist.

Das war jetzt einfach.

Die Radwegbenutzungspflicht wurde (das weiß jeder hier) von den Nazis
aufgelegt, um dem freien deutschen Autofahrer das lästige
Fahrradkroppzeug vom Hals zu halten. Diese Autofahrerhaltung hält sich
bis heute: Eine nicht unerhebliche Anzahl von Autofahrern demonstriert
unerschrockenen Radfahrern mithilfe der eigenen zwei Tonnen Blech, daß
sie durchaus in der Lage sind, Radfahrern das Fahren auf der "Straße" zu
vergällen, und nennenswerte Verbände, die angeblich radfahrerfreundlich
sind (in Wirklichkeit aber lediglich naiv), nehmen den Gedanken auf:
"Leute, bleibt ja auf dem Rad-weg! und setzt alle brav ein Hütlein auf."

Neulich mal habe ich gelesen, daß pro Jahr über 1000 Menschen auf
Treppen zu Tode stürzen (bei etwa 400 Radfahrtoten). Wann kommt die
Helmtragepflicht für Treppenbenutzer?
Post by Chr. Maercker
Oder wenigstens dazu, bestehendes Recht konsequent zu nutzen? Von
Greenpeace würde ich sogar Missachtung der Radwegpflicht erwarten,
die haben schon ganz andere Vorschriften übertreten!
Das war früher einmal, mittlerweile sind sie etabliert.
Post by Chr. Maercker
Das Kerngeschäft von Greenpeace war/ist(?) ziviler Ungehorsam.
War.
Post by Chr. Maercker
Post by Susanne Jäger
Die Kernaussage der Presseerklärung – ein höherer Radanteil kann
städtischen Verkehr sicherer machen – ist von diesem Fehler unbenommen,
da derselbe Fehler bei der Analyse aller im Ranking enthaltener Städte
aufgetreten ist."
https://www.greenpeace.de/presse/presseerklaerungen/greenpeace-staedteranking-mehr-radverkehr-macht-strassen-sicherer
Immerhin, sie haben es korrigiert. Im Gegensatz zu vielen anderen, die
mit ähnlichem Blödsinn Radfahren gefährlich reden/schreiben.
Post by Susanne Jäger
Autsch. Ich bin gespannt auf den endgültigen Text
Ich nicht. Ich erwarte mir davon keine neuen Erkenntnisse.
Post by Chr. Maercker
Post by Susanne Jäger
In jedem Fall kann man mit der großen Gefahr und dem Ruf nach Separation
mal wieder gut Presse machen und wenn's die Zahlen nicht hergeben,
Jedem anderen Verein billige ich das zu, Greenpeace nicht.
Ich billige eigentlich keinem Verein zu, mit zurechtgedrehten Zahlen
Stimmung zu machen.
Chr. Maercker
2018-05-28 11:12:23 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Martin Gerdes
Weil bekanntlich jeder weiß, daß Radfahren auf der "Straße" gefährlich
ist.
Das war jetzt einfach.
Nicht im Fall Greenpeace.
--


CU Chr. Maercker.

RADWEGE sind TOD-SICHER! Schlaue Füchse fahren Fahrbahn.
Martin Gerdes
2018-05-28 22:12:14 UTC
Permalink
Raw Message
Post by Chr. Maercker
Post by Martin Gerdes
Post by Chr. Maercker
Ein Verein, der seit Jahrzehnten spektakuläre Aktionen inszeniert,
könnte Radfahrer ruhig mal dazu auffordern, sich die *bestehenden*
Straßen zurückzuerobern, ohne neue Ghettos. Warum rufen die nicht zur
Abschaffung der Radwegpflicht auf?
Weil bekanntlich jeder weiß, daß Radfahren auf der "Straße" gefährlich
ist.
Das war jetzt einfach.
Nicht im Fall Greenpeace.
Die Greenpeacer waren schonmal mutiger, die ADFCler waren schonmal
mutiger. Diese Verzagtheit muß wohl ein Zug der Zeit sein.
Martin Gerdes
2018-06-24 08:36:23 UTC
Permalink
Raw Message
Susanne Jäger <***@gmx.de> schrieb:

Ich habe in meinem Lokalblättchen heute einen Verweis auf diese Studie
gefunden und ihr nachgegoogelt. "Selbstverständlich" findet sich die
fehlerhafte Pressemitteilung noch im Netz (und ihre Kinder dazu).
Post by Susanne Jäger
Gestern gab es in der Berliner Abendschau einen Bericht über eine
eigentlich ziemlich nette Greenpeace-Aktion zur Platzverschwendung in
https://www.rbb-online.de/abendschau/archiv/20180522_1930/greenpeace.html
Über die Schlußfolgerungen kann und sollte man streiten, die Aktion
gefällt mir trotzdem.
Die dort genannten Unfallzahlen passten allerdings so überhaupt nicht zu
der mir bekannten Realität, dass ich das nachlesen wollte. Inzwischen
hat Greenpeace die Studie zurückgezogen, weil der offensichtliche
Rechenfehler nicht zu leugnen war.
Die Presseerklärung von Greenpeace steht immer noch unverändert auf der
Seite, nämlich hier:

https://www.greenpeace.de/presse/presseerklaerungen/greenpeace-staedteranking-mehr-radverkehr-macht-strassen-sicherer
Post by Susanne Jäger
"Korrektur: Die heutige Presseerklärung „Greenpeace-Städteranking: Mehr
Radverkehr macht Straßen sicherer“ enthält leider einen Fehler. Die
Autoren der Rangliste haben die Zahl der zurückgelegten Wege in Berlin
... in allen Städten ...
Post by Susanne Jäger
um den Faktor 1095 (drei Wege pro Kopf und Tag, also 3 x 365 = 1095) zu
niedrig angesetzt. Entsprechend liegt die Zahl der Radunfälle in Berlin
deutliche niedriger: Pro eine Million Radfahrten ereignen sich 14,3 Unfälle.
Die Kernaussage der Presseerklärung – ein höherer Radanteil kann
städtischen Verkehr sicherer machen – ist von diesem Fehler unbenommen,
da derselbe Fehler bei der Analyse aller im Ranking enthaltener Städte
aufgetreten ist."
Autsch. Ich bin gespannt auf den endgültigen Text - die Veröffentlichung
wurde zunächst zurückgezogen - weil wenn der Fehler bei allen Städten
auftritt dürfte es in Kopenhagen und Amsterdam eigentlich gar keine
Radunfälle mehr geben.
So etwa.

Man hätte schon wohl erwarten können, daß der Fehler im Text der
Presseerklärung gestrichen und mit einer Anmerkung versehen worden wäre.
Eine Korrektur selbst in einer Fußnote auf der gleichen Seite ist meines
Erachtens zu wenig, deutlicher gesagt: Wissenschaftlich unseriös, denn
die Suchmaschinen verlinken der Text, nicht aber die Korrektur.

Dazu hätte man erwarten können, daß Greenpeace der fehlerhaften
Veröffentlichung nachgoogelt und Autoren/Redaktionen darauf aufbauender
Artikel auffordert, ihre Artikel zu überarbeiten, z.B. die hier:

http://www.nnz-online.de/news/news_lang.php?ArtNr=236002


Darüberhinaus glaube ich die Zahlen nicht.

Neulich war in der NG mal ein Video einer Fahrradstraße in Amsterdam
verlinkt, auf der ein ziemlich wuseliger, chaotischer Fahrradverkehr zu
sehen war.



Bei 2:07 ist ein Zusammenstoß zu sehen, der nur aufgrund der geringen
Geschwindigkeit nicht mit einem Sturz geendet hat. Und nein, das Video
zeigt keine Million Fahrten.

Wenn ich hierzustadt Fahrrad fahre, bewege ich mich in duftigem Verkehr,
der seiner geringen Dichte wegen meine Aufmerksamkeit nicht besonders
beansprucht. Kolonnenfahren (z.B. im Rahmen von "Critical Mass") braucht
deutlich mehr Aufmerksamkeit, was ich eigentlich nicht sehr schätze.
Wäre der Radverkehr ständig so dicht, würde mir das das Radfahren
vergällen. In Amsterdam und/oder Kopenhagen ist der Radverkehr aber oft
so dicht.

Ich glaube es einfach nicht, daß hierbei nur in einem Fall pro 1 Million
Fahrten zu einem "Crash among cyclists" kommt.

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